Das einzige Bild von mir als Kind. Vermutlich aufgenommen, als ich ca. sieben Jahre alt war  - von wem auch immer! 

 

Eigentlich hätte ich ins Guiness-Buch der Rekorde aufgenommen werden müssen. Denn es ist zu vermuten, dass ich der Heiminsasse der Schweiz mit den meisten Jahren war. 60 Jahre! Vom Vater verleugnet und von der Mutter verstossen wurde ich als unehelich neugeborenes Kind sofort abgeschoben. In Heimen in Pura, Bellinzona, Pollegio (TI) und Zizers (GR) lernte ich beten und arbeiten. Auf meine Fragen nach dem „WARUM?“ gab’s keine Antworten. Ich hatte zu schweigen und zu gehorchen. Die Scham, keinen Vater, keine Mutter und keine Familie zu haben und das Gefühl, an allem selber Schuld zu sein, begleitete mich mein ganzes Leben. Kurz nach der Entlassung aus dem Heim und nach einer KV-Lehre stieg ich als Praktikant wieder ins Heim ein. Bin ich deswegen vielleicht vom „Opfer“ zum „Täter“ mutiert? Es folgte die Ausbildung zum Sozialpädagogen und dann die Karriereleiter empor, vom Erzieher über den Teamleiter zum Heimleiter, bis hinauf zum Präsidenten des Schweizerischen Fachverbandes für Sozial- und Sonderpädagogik. Ein HEIMLEBEN eben! Und immer schwieg ich mich über meine Heimvergangenheit aus. Die Angst, vom Stigma des verschupften Heimbuben eingeholt zu werden, war gross. Und dann, Tage vor meiner Pensionierung das Outing! An einer von mir organisierten Fachtagung zum Thema „60 Jahre Heimerziehung, ein Blick zurück in die Zukunft und ein Abschied“ erzählte ich meine Geschichte und löste weitherum ungläubiges Erstaunen aus. 
Mein HEIMLEBEN ist nun zu Ende. Was bleibt ist die Erkenntnis, dass wir Heim- und Verdingkinder aus den 40ziger, 50ziger und 60ziger Jahre mehr Aufmerksamkeit verdienen. Unsere traurigen Lebensgeschichten müssen ins gesellschaftliche Bewusstsein eindringen, denn nur so kann das unrühmliche Kapitel der unschuldig weggesperrten Kinder und Jugendlichen als Teil der Geschichte begriffen und aufgearbeitet werden. Ich möchte meinen bescheidenen Beitrag dazu leisten.